JESUS UND FRAUEN
"Und es begab sich danach, daß Er reiste durch
Städte und Märkte, und predigte und verkündete das Evangelium vom
Reich Gottes, und die Zwölf mit ihm, dazu etliche Weiber¼ nämlich
Maria, die da Magdalena heißt¼ und Johanna, das Weib Chusas, des
Pflegers des Herodes, und Susanna und viel andere, die ihm Handreichung
taten von ihrer Habe." Lukas
8:1-3
Geschichtlicher Rückblick
Mit der Entdeckung der Nag Hammadi Handschriften sowie der Schriften
vom Toten Meer ergibt sich ein wesentlich besseres Bild über die
Anfänge des Christentums sowie über das Judentum zur Zeit Jesus.
Auch die feministische Exegese eröffnet neue Perspektiven über die
Welt der Frauen während des 1. Jahrhunderts in Palästina und der
hellenistischen Welt, die sich letztendlich dem Christentum erschloß.
Im palästinensischen Zusammenhang wird Jesus Behandlung der Frauen
als absolut inklusiv gesehen. Diese erlebte Gleichgebürtigkeit führte
dazu, daß die frühen Jüngerinnen von Jesus ihre Führungsrolle in
den frühesten christlichen Kirchen als gegeben betrachteten. Das
ist aus Pauls Briefen, der Apostelgeschichte wie auch aus anderen
frühchristlichen Schriften ersichtlich.
Als das Christentum begann, sich immer weiter zu verbreiten, wurde
die Führungsrolle der Frauen in den christlichen Kirchen der patriarchalen
griechisch-römischen Welt immer weniger akzeptiert. Jesus ursprüngliche
allumfassende Vision, die gleichzeitig Gewalttätigkeit und die Unterordnung
einer Person durch eine andere ablehnte, war (mit einigen Ausnahmen)
für die nächsten 2000 Jahre scheinbar in Vergessenheit geraten.
Damals, genau so wie heute, war die Gesellschaft nicht bereit, Gottes
liebevolle Gerechtigkeit anzunehmen. Die allumfassende Jesus-Vision
taucht nun wieder auf und wahrscheinlich mit wesentlich größerer
Dringlichkeit in einer Welt, die langsam zu begreifen beginnt, daß
sie irgendwie die gewaltlose Gemeinsamkeit annehmen oder aber zugrunde
gehen muß.
Das allumfassende Zeitalter Jesus ist gekommen. Wenn sich diese
gewaltlose Welt der Gemeinsamkeit und Partnerschaft verwirklichen
soll, benötigt sie die Tatkraft von Männern wie auch von Frauen.
Sexismus und Unterdrückung anderer sind Krankheiten, von denen wir
alle befallen sind. Männer und Frauen leiden daran. Wie vor zweitausend
Jahren können auch sie heute geheilt werden, wenn sie das heilende
Mysterium von Jesus annehmen-einen Tag nach dem andern.
Diese Broschüre versucht, Ihnen auf einen Blick Information zur
Verfügung zu stellen, die viele von berühmten Gelehrten geschriebene
Bücher füllt. Der Leser wird ermutigt, diese für weitere Informationen
zusätzlich einzusehen.
Frauen in der Vorchristlichen
Welt
Zu Jesus Zeiten, genau wie heute, waren alle Gesellschaften patriarchal.
Die Frauen waren den Männern untergeordnet, erst ihren Vätern, dann
ihren Ehemännern. Der gesellschaftlich-wirtschaftliche Stand der
Frau war ziemlich unterschiedlich je nach dem Stand der bürgerlichen
Ehe- und Erbrechte, die ihnen ihre jeweilige am Mittelmeer gelegene
Gesellschaft zugestand.
Griechenland und Mazedonien
Im Jahre 340 v.Chr. schrieb Demosthenes: "Halte Maitressen,
die uns Vergnügen bereiten, Konkubinen, die uns täglich pflegen
und umsorgen, Ehefrauen, die uns legitime Kinder gebären und unseren
Haushalt treu verwalten." Nur griechische Ehefrauen waren Bürgerinnen
und hatten das Wahlrecht. Sie hatten das Recht, zusätzlich zu ihrer
Mitgift ein beschränktes Eigentum zu besitzen. Konkubinen und Maitressen
hatten keine Bürgerrechte, doch genossen Maitressen Erziehung, damit
sie ihren Liebhabern angenehme Seelenschwestern sein konnten. Genau
so wie in Rom wurden unerwünschte Töchter am Bergrand zum Sterben
ausgesetzt.
Die Frauen in Mazedonien waren besser dran. Sie bauten Tempel,
gründeten Städte, stellten Heere auf und hielten in Befestigungen
stand. Sie waren Regenten und teilten die Herrschaft. Die Männer
verehrten ihre Frauen und benannten sogar Städte nach ihnen. Thessalonika
war so eine Stadt. Den Frauen wurden dort vererbbare Bürgerrechte
zugesprochen. Eine mazedonische Geschäftsfrau, Lydia, gründete nach
ihrer Bekehrung durch Paulus die Kirche in Phillipi.
Ägypten und Rom
Ägyptische Frauen waren den Männern rechtlich gleichgestellt. Sie
konnten kaufen, verkaufen, borgen und leihen. Sie konnten Unterstützungsgesuche
an die Regierung schicken, eine Scheidung in die Wege leiten und
Steuern zahlen. Die älteste Tochter durfte rechtlich Erbin werden.
In Rom war die Autorität des Vaters vorherrschend. Ein römisches
Mädchen wurde namentlich in the Hände ihres zukünftigen Gatten verkauft.
Töchter und Söhne erhielten eine Erziehung, die Söhne bis zu siebzehn,
die Töchter bis zu dreizehn, wenn ihre Verehelichung vorgesehen
war. Eine Römerin konnte keine Geschäfte in ihrem Namen abwickeln.
Sie konnte jedoch die Hilfe eines männlichen Verwandten oder Freundes
dazu in Anspruch nehmen, der dann als ihr Agent fungierte. Die Frauen
hatten Erbrechte und das Recht auf Scheidung. Die Römerinnen konnten
nicht wählen und kein öffentliches Amt bekleiden. Nichtsdestoweniger
hatten die älteren römischen Ehefrauen Macht und Einfluß, denn sie
waren in der Tat das Oberhaupt des Haushalts und führten die Geschäfte
während ihre Ehemänner weg waren und in Cäsars Legionen kämpften.
Das frühe Christentum verbreitete sich schnell in der römischen
Welt und die reichen römischen Matronen spielten dabei eine nicht
unwesentliche Rolle.
In der Regel hatten Frauen in vorchristlichen Kulturbereichen mit
starken weiblichen Göttinnen (Aphrodite in Korinth, Isis in Ägypten)
einen besseren gesellschaftlich-wirtschaftlichen Stand. In praktisch
allen vorchristlichen Kulturbereichen beteiligten sich Männer und
Frauen an der Führung des religiösen Gottesdienstes.
Frauen im palästinensischen
Judentum
Die palästinensischen Hebräerinnen gehörten zu Jesus Zeiten zu
den ärmsten der Welt. Das rührte wohl daher, daß sie kein Erbrecht
hatten und aus dem geringsten Grund heraus geschieden werden konnten.
Hebräer konnten sich von ihren Frauen scheiden lassen, wenn sie
das Essen anbrannten (Hillel) oder Ehebruch begingen (Shammai).
Hebräerinnen durften sich jedoch nicht von ihrem Männern trennen.
In einer Gesellschaft, in der Frauen nicht überlebten, es sei denn,
sie waren Teil eines patriarchalen Haushalts, war eine Scheidung
katastrophal. In diesem Licht betrachtet ist Jesus Scheidungsverbot
zum Schutz der Frauen. Ein weiteres Beispiel für Jesus Mitleid für
die ans Patriarchat gefesselten Frauen ist seine Errettung des Sohnes
der Witwe zu Naim.
Eine Hebräerin hatte ein minimales oder kein Eigentumsrecht. Theoretisch
konnte sie Land erben aber in der Praxis hatten die männlichen Erben
das Vorrecht. Selbst wenn sie Eigentum erbte, hatte der Ehemann
das Recht auf die Benutzung und den Ertrag. Die Hauptsphäre der
Frau war in ihrem Heim, wo ihr besonders die Gastfreundschaft oblag.
Die Frauen führten keine Tischgebete an und zündeten auch bei feierlichen
Zeremonien die Kerzen nicht an.
Ein Kind wurde nur als Jude betrachtet, wenn auch die Mutter Jüdin
war. Die meisten jungen Jüdinnen wurden ganz jung von ihren Vätern
verheiratet. Jüdinnen wurden während ihrer Periode als unrein betrachtet.
Wenn sie während dieser Zeit unabsichtlich einen Mann berührten,
mußte er sich einem wochenlangen Reinigungsritual unterwerfen, ehe
er zum Gottesdienst in den Tempel gehen konnte. Im Evangelium des
Markus erfahren wir von der Frau mit einem zwölf Jahre dauernden
"Blutgang". Sie wäre gesellschaftlich vollkommen tabu gewesen. Wir
sehen, daß sich Jesus während der Heilung nicht um diese rituelle
Unreinheit kümmert, als die Frau ihn trotz des Tabus mutig berührte.
(Markus:25)
Während des frühen Judentums verkündeten und prophezeiten die Frauen,
doch zu Zeiten Jesus war ihnen das Verkünden des Torah in den Synagogen
wegen ihrer periodischen "Unreinheit" untersagt. Es wurde heiß darüber
debattiert, ob Frauen im Torah unterrichtet werden sollten. In der
Regel erhielten nur die Ehefrauen der Rabbiner diese Ausbildung.
Frauen waren nach jüdischen Recht nicht als Zeugen zugelassen noch
konnten sie die Rechte unterrichten. Die Frauen hatten keine offizielle,
religiöse oder führende Rolle im Judentum des ersten Jahrhunderts.
In einem von der religiösen Elite regierten Land wurden sie somit
unsichtbar und machtlos gehalten.
Frauen in den Evangelien
Unsichtbar und machtlos für praktisch jeden außer Jesus, der, wie
uns das Evangelium lehrt, eine besondere Liebe für diejenigen hegte,
die von den andern abgewertet wurden. Sein Benehmen den Frauen gegenüber
ist beachtenswert, selbst wenn wir es durch die androzentrische
Linse der Evangelientexte betrachten. Jesus hieß die Frauen unter
seinen engsten Anhängern willkommen: "Und es begab sich danach,
daß er reiste durch Städte und Märkte und predigte und verkündete
das Evangelium vom Reich Gottes; und die Zwölf mit ihm, dazu etliche
Weiber…nämlich Maria, die da Magdalena heißt,…und Johanna, das Weib
Chusas,…und Susanna und viele andere, die ihm Handreichung taten
von ihrer Habe." (Lukas 8:1-5) Frauen wurden in alten Texten nicht
erwähnt, es sei denn, sie waren gesellschaftlich prominent. Es ist
ein klarer Hinweis, daß reiche Frauen die Galiläa-Mission unterstützten.
Jesus hieß die weiblichen Nachfolger in seinem Gefolge willkommen,
damit sie zusammen mit den Männern Gottes Lehre erfahren sollten.
Das war höchst ungewöhnlich, da Frauen normalerweise nicht in der
Öffentlichkeit mit Männern redeten und noch viel weniger mit ihnen
durchs Land reiste.
Jesus radikales Miteinschließen der Frauen ist auch aus der Geschichte
von Martha und Maria ersichtlich. Maria nimmt ihren Platz zu Jesus
Füßen ein, der Platz, der traditionell von Rabbinerstudenten eingenommen
wird. Martha (wie das sogar heute noch so oft unter Frauen geschieht,
wenn die Traditionen des Patriarchats in Frage gestellt werden)
protestiert. Doch Jesus lobt Marias Wissensdrang nach Gott: "Maria
hat das gute Teil erwähnt; das soll nicht von ihr genommen werden."
(Luke 10:38-42)
Im ganzen Evangelium sehen wir, wie Jesus tief eingesessene patriarchale
Gegebenheiten in Frage stellt: daß nur die Frauen die Last der sexuellen
Sünde tragen; daß man sich von Samariterinnen und Kanaaniterinnen
fernzuhalten hat weil sie minderwertig sind und daß verlorene Söhne
verstoßen werden sollen. Stattdessen werden die Männer aufgefordert,
ihren Schuldanteil beim Ehebruch einzugestehen; die Samariterin
wird Missionarin und bringt ihre ganze Stadt dazu, an Jesus zu glauben;
die feste Liebe der Kanaaniterin zu ihrer Tochter erweitert Jesus
eigenes Blickfeld bezüglich wem die Gute Nachricht geschickt wird;
und der vom Weg abgekommene Sohn wird zu Hause mit einer großen,
vom reuigen Vater gegebenen Party willkommen geheißen.
Der Aufruf zur ebengebürtigen Gefolgschaft an die Frauen mit ihren
Brüdern ist am besten in den Auferstehungsberichten zu sehen, denn
die Verkündung von der Auferstehung hängt von dem Zeugnis der Frauen
ab. Alle vier Evangelien zeigen Maria Magdalena, Johanna, Maria
(die Mutter Jakobs und Joses), Salome und die anderen Frauen, die
Jesus zu seinem Tod begleiten, ihn salben und seinen Körper begraben,
die leere Grabstätte finden; und am Ende seine auferstandene Gegenwart
erfahren. Daß die Botschaft von der Auferstehung erst den Frauen
gegeben wurde, wird von Bibelforschern als stärkstes Zeugnis der
geschichtlichen Richtigkeit der Auferstehungsberichte gesehen. Wären
diese Texte von übereifrigen Gefolgsmännern erfunden worden, dann
hätten sie sich nie auf das Zeugnis von Frauen berufen in einer
Gesellschaft, die sie als rechtliche Zeugen ablehnte. Zuerst glaubten
die Apostel ihre Botschaft nicht. Und selbst heute weigern sich
einige Jünger, die gute Nachricht zu hören, wenn sie von einer Frau
verkündet wird.
Frauen in den frühesten Kirchen
Im letzten Kapitel im Paulusbrief an die Römer sind zehn der neunundzwanzig
Kirchenhäupter, deren Unterstützung er sucht, Frauen. Phöbe, Paulus
Schutzherrin in Cenchreae und Prisca (die zusammen mit ihrem Ehemann
Aquila eine prominente Missionarin war) steht ganz oben auf der
Liste. Die Briefe Paulus (mit Ausnahme der an Timotheus und Titus,
die nicht von ihm geschrieben wurden) sind die ältesten christlichen
Handschriften, die wir besitzen. Sie sind ein überzeugender, geschichtlicher
Beweis für die ebenbürtige Führungsrolle der Frauen und Männer in
der jungen Kirche. Diese Ebenbürtigkeit widerspiegelt sich auch
in der Galater Taufformel: "Hier ist kein Jude noch Grieche, hier
ist kein Knecht noch Freier, hier ist kein Mann noch Weib; denn
ihr seid allzumal einer in Christo Jesu." (Gal.3:28) Es handelt
sich hier höchstwahrscheinlich um eine alte Hymne oder ein Gebet,
das jeder neue Christ mit großer Freude sang oder betete.
Die Apostelgeschichte bezieht sich auf "Phillips weissagende
Töchter" (Apost.1:9-10). Der frühe Kirchenhistoriker Eusebius,
führt den apostolischen Ursprung der asiatischen Kirchen in der
Provinz auf ihre Führung zurück und bekennt somit, daß wenigstens
einige Frauen die apostolische Tradition übermittelten. Wie schade,
daß ihre Namen für uns heute verloren gegangen sind! Die Didache,
ein frühes Handbuch für den Gottesdienst, nennt Propheten als die
üblichen Zelebranten des Abendmahls, das oft in den Häusern prominenter
Frauen gehalten wurde.
Am Ende des ersten Jahrhundert erfuhr die Führungsrolle der Frauen
bereits einen gewissen Widerstand: "Ein Weib lerne in der Stille
und in aller Untertänigkeit. Einem Weib aber gestatte ich nicht,
daß sie lehre und auch nicht, daß sie des Mannes Herr sei, sondern
stille sei." (1 Tim: 11-12) Trotzdem waren führende Frauen mit
ihren führenden männlichen Kollegen in den gleichgestellten und
orthodoxen valentinischen und montanastischen Kirchen von Kleinasien
bis zu ihrer Unterdrückung im vierten Jahrhundert erfolgreich. Zu
diesem Zeitpunkt gelang es Konstantin, das auseinanderbrechende
römische Kaiserreich unter dem Namen des Christentums zu vereinen.
Die allumfassende charismatische Gefolgschaft Gleichgestellter,
die das schnelle Wachstum des Christentums gefördert hatte, wurde
domestiziert, doch mit der Gründung von religiösen Gemeinden, die
die prophetische Tradition zweitausend Jahre lang im Katholizismus
weiter pflegten, stellte sich sich jedoch wieder ein. Innerhalb
dieser Tradition streben auch heute Organisationen die Kirchenreform
an.
NB.: alle biblischen Zitate sind aus "NEUES TESTAMENT Deutscher
Evangelischer Kirchenausschuß, printed Privileg.Württ. Bibelanstalt,
Stuttgart 1954.
Quellenverzeichnis:
Fiorenza, Elizabeth S. In Memory of Her. New York: Crossroad,
1983.
"The Twelve " in Women Priest. New York: Paulist Press,
1971.
Johnson, Elizabeth A. ConsiderJesus. Crossroad, New York,
1990.
0 'Collins,G. and Kendall, D. "Mary Magdalen as Major Witness
to Jesus' Resurrection." Theological Studies. 48: 1987.
Pagels, Elaine. The Gnostic Gospels. New York: Random House,
1979.
Sanders. E.P. Jesus and Judaism.
Viladesau, Richard. "Could Jesus Have Ordained Women? Reflections
on Mulieris Dignitatem."Thought Vol.67, No.264, March
1992.
Witherington, Ben. Women in the Ministry of Jesus. Cambridge,
1984
Women in the Earliest Churches. London: Cambridge, 1984
Christine Schenk ist die Verfasserin dieser Schrift. Frl. Schenk
ist Leiterin von "Women in Church Leadership project". Sie hat einen
Magister als Hebamme sowie in Theologie erworben, und dient ebenfalls
ihren "Cleveland Sisters of St. Joseph" als amtierende Geistliche.
Herausgabe dieser Schrift durch "A Call for National Dialoge on
Women in Church Leadership" ein gemeinsames Projekt der FutureChurch
und Call To Action.
Sie dürfen diese Broschüre gern vervielfältigen und an andere verteilen.
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